„Lauf einen Marathon. Das sind 42 Kilometer.“

Würde ich das zu einer fremden Person sagen, würden die meisten dankend ablehnen oder es für einen Scherz halten. Warum? Weil es aus ihrer aktuellen Perspektive ein absurdes Ziel ist.

Vor einigen Jahren dachte ich selbst, dass ich niemals einen Marathon laufen würde. Einfach mit anderen joggen zu gehen, war schon anstrengend genug. Genauer gesagt so anstrengend, dass ich es danach für weitere vier Jahre nicht gemacht habe.

Doch dann war ich eines Tages in Stockholm und zufällig fand dort gerade der Halbmarathon statt. Komplett naiv dachte ich mit meinen 25 Jahren: Das kann ich schaffen. Immerhin trainiere ich dreimal die Woche im Gym.

Als ich dann bei Google suchte, wie lang so ein Halbmarathon eigentlich ist, und dort 21 Kilometer stand, wollte ich abbrechen.

Das Geld war jedoch bereits bezahlt. Also zog ich es durch.

Ich lief den Halbmarathon.

Hatte ich Spaß? Nein.

Würde ich es empfehlen? Nein.

Trotzdem ist es heute ein toller Moment in meinem Leben. Denn danach setzte ich mir ein Ziel: Im nächsten Jahr wollte ich denselben Halbmarathon noch einmal laufen – nur schneller.

Und genau das tat ich.

Doch eines wusste ich ganz genau:

Ich werde NIEMALS einen Marathon laufen. 42 Kilometer? Das wäre einfach nur pure Qual.

Schnitt in die Gegenwart.

Letztes Jahr lief ich meinen ersten Marathon in Warschau.

Mit dieser Geschichte möchte ich etwas veranschaulichen: Unsere Ziele hängen von unserem aktuellen Stand ab.

Der Marathon war für mich irgendwann nicht mehr dieses vollkommen absurde Ziel. Er war einfach der nächste Schritt. Die nächste Herausforderung, die groß genug war, um mich zu reizen, aber gleichzeitig greifbar genug, um mich zu motivieren.

Doch wie kam es überhaupt dazu?

Vom Ziel zur Freude am Laufen

Für meine Halbmarathons hatte ich immer nur etwa einen Monat vorher trainiert. Es ging mir um das Ziel, niemals um das Laufen selbst.

Ich stand auf dem Laufband im Gym, startete die Uhr und hoffte eigentlich nur darauf, dass die Zeit möglichst schnell vorbeiging.

Ich dachte, Training müsste eben so sein. Man muss sich quälen, um später den größeren Erfolg zu bekommen. Einen Marathon zu schaffen bedeutete für mich dementsprechend einfach nur, sich noch länger zu quälen.

Und ich dachte mir: Wer das freiwillig tut, ist entweder ziemlich blöd oder ein Masochist.

Doch nach meinem zweiten Halbmarathon begann ich, andere Dinge am Laufen zu entdecken.

Ich fand es schön, meinen eigenen Körper immer besser kontrollieren zu können. Ich lernte beim Laufen unterschiedliche Menschen kennen und merkte, wie sehr es auch meinen Geist forderte. Gleichzeitig musste ich mich während des Laufens nicht mehr ausschließlich auf mein eigenes Überleben konzentrieren und konnte plötzlich die Landschaft um mich herum wahrnehmen und Stockholm genießen.

Ich konnte damals noch keinen dieser Gedanken wirklich greifen. Aber irgendetwas begann sich in mir zu verändern.

Und so kam es, dass ich eines Frühlings mit Freunden regelmäßig laufen ging oder auch mal alleine loszog, um die Natur zu erkunden.

Langsam entstanden intrinsische Motivationen. Ich lief nicht mehr nur, um am Ende irgendeine Zahl erreicht zu haben. Ich hatte Freude an der Tätigkeit selbst.

Irgendwann machte mir das Laufen sogar so viel Spaß, dass ich im Sommer morgens um vier Uhr aufstand, nur weil ich diese frische Morgenluft erleben und mein Hobby noch ein bisschen mehr genießen wollte.

Und während ich einfach lief, wurde ich ganz nebenbei immer besser.

Plötzlich hörte sich ein ganzer Marathon gar nicht mehr so verrückt an.

42 Kilometer waren immer noch 42 Kilometer. Aber ich war nicht mehr derselbe Mensch, der diese Zahl betrachtete.

Der Marathon war einfach der nächste kleine Schritt geworden.

Das Problem mit großen Zielen

Wenn ich im Coaching oder auch privat mit Menschen über Sport spreche, fällt mir immer wieder auf, dass sie sich sehr hohe Ziele setzen.

Natürlich kann man das machen. Doch es bringt ein Problem mit sich: Der Spaß an der eigentlichen Tätigkeit kommt häufig niemals auf. Stattdessen fokussieren wir uns nur darauf, endlich unser Ziel zu erreichen.

Stellen wir uns einen absoluten Anfänger vor, der einen Marathon laufen möchte. Eine Person um die 30, die bisher kaum trainiert hat.

Die ersten Minuten ist die Motivation noch da. Man läuft los, hat Kraft und fühlt sich frei. Doch kurz darauf wird der Atem lauter. Die Schritte werden schwerer. Seitenstechen beginnt und vielleicht ist noch nicht einmal der erste Kilometer geschafft.

Und dann die Erkenntnis: Verdammt, es liegen noch 41 Kilometer vor einem.

Keine Frage: Zu einem Marathon gehört auch Willenskraft.

Aber die viel wichtigere Frage ist doch:

Warum möchte ich überhaupt einen Marathon schaffen, wenn ich vielleicht gar kein Läufer bin?

Ist es wirklich der Marathon, den ich schaffen möchte? Oder geht es mir nur um die Anerkennung anderer?

Dabei ist an dem Wunsch nach Anerkennung oder dem Drang, gut auszusehen, erst einmal überhaupt nichts falsch. Im Gegenteil: Wir können diese Dinge für uns nutzen.

Wir brauchen einen Funken, um ein Feuer zu entfachen.

Genau darum geht es bei unseren extrinsischen Zielen. Sie können dieser Funken sein.

Denn nicht jeder Funken entfacht ein Feuer. Und genauso muss uns nicht jede Tätigkeit gefallen, die wir ausprobieren.

Aber wir sollten aktiv danach suchen, ob und wie wir darin Freude entdecken können.

Denn wenn wir ausschließlich einem Ergebnis hinterherlaufen und die Tätigkeit dahinter dauerhaft hassen, wird unser Ziel irgendwann zum Fluch.

Wenn ich einem Anfänger sage, er solle von nun an dreimal die Woche 15 Kilometer laufen – und das am besten bis an sein Lebensende –, wird er mir vermutlich den Vogel zeigen.

Aber was ist mit einer einzigen Treppe?

Nimm dir vor, jeden Tag einmal zusätzlich die Treppe hoch- und wieder runterzulaufen. Nicht für die nächsten vier Wochen. Nicht bis zum Sommer. Sondern als etwas, das du dir auch langfristig vorstellen kannst.

Plötzlich ist das Ziel verhandelbar.

Und genau dieser kleine Schritt gibt uns die Möglichkeit, darin irgendwann mehr zu entdecken.

Vielleicht gefällt uns die Disziplin, die wir dadurch entwickeln. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass wir etwas durchziehen können. Vielleicht merken wir auch einfach, wie gut es sich anfühlt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Und vielleicht entsteht daraus irgendwann von ganz alleine der Wunsch nach dem nächsten Schritt.

Was Sport für mich heute bedeutet

Genau so versuche ich heute auch meinen eigenen Sport zu gestalten.

Früher habe ich hauptsächlich stumpf Gewichte bewegt. Heute versuche ich, mit meinem Körper zu arbeiten und immer wieder neue Dinge zu lernen.

Ich perfektioniere meinen Handstand, arbeite an meinen Muscle-Ups – einem Klimmzug, bei dem ich mich anschließend über die Stange drücke –, mache einbeinige Kniebeugen und einarmige Liegestütze.

Nicht weil ich all diese Dinge können muss.

Sondern weil es mir Freude macht herauszufinden, was mein Körper lernen kann.

Auch das Laufen hat heute eine vollkommen andere Bedeutung für mich. Ich laufe meistens ohne Musik. Es ist für mich fast zu einer Art Meditation geworden.

Ich kann meine Gedanken abarbeiten, durchschnaufen und gleichzeitig den Schwarzwald genießen, in dem ich lebe.

Ich zerbreche nicht mehr bei jeder Trainingseinheit.

Und trotzdem habe ich etwas viel Größeres erreicht.

Sport ist zu einer solchen Routine in meinem Leben geworden, dass ich mich jeden Tag darauf freue, ihm nachzugehen. Nicht aus Zwang. Nicht weil irgendein Trainingsplan es von mir verlangt.

Sondern weil Sport für mich zu einem der wertvollsten Dinge geworden ist, mit denen ich meine Zeit verbringen kann.

Vielleicht ist das Ziel gar nicht das Ziel

Darum: Nimm diesen Funken. Dieses große Ziel, das dich tief berührt.

Aber nutze diesen Funken nicht nur, um irgendeinem weit entfernten Ergebnis hinterherzulaufen.

Nutze ihn, um herauszufinden, ob du Freude an dem Weg dorthin finden kannst.

Vielleicht bedeutet das am Anfang nicht, 42 Kilometer zu laufen.

Vielleicht sind es zwei.

Vielleicht ist es auch nur eine Treppe.

Und irgendwann sind es fünf Kilometer. Zehn. Ein Halbmarathon.

Oder vielleicht stellst du fest, dass Laufen überhaupt nichts für dich ist und entdeckst etwas völlig anderes.

Auch das ist in Ordnung.

Denn wenn wir Freude an dem Weg finden, wird aus etwas, das wir uns vornehmen, langsam etwas, das zu uns gehört.

Mein 25-jähriges Ich konnte sich niemals vorstellen, einen Marathon zu laufen.

Heute könnte ich ihm sagen:

Ich bin tatsächlich einen Marathon gelaufen.

Aber viel wichtiger ist etwas anderes.

Ich habe etwas erreicht, das ich damals wahrscheinlich für noch unrealistischer gehalten hätte:

Ich habe Freude daran gefunden, regelmäßig laufen zu gehen.

Und vielleicht müssen wir deshalb gar nicht immer wissen, wo unser Weg einmal endet.

Manchmal reicht es, Freude am nächsten Schritt zu finden.

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